Der Mensch als Ebenbild Adams

Der moderne Mensch hält sich für aufgeklärt. Er spricht von Erkenntnis, von Fortschritt, von Überwindung religiöser Mythen. Tatsächlich aber ist er nicht aufgeklärt, sondern entkernt. Er weiß vieles, versteht aber nichts von sich selbst. Je mehr er sich vom biblischen Menschenbild entfernt, desto größer wird seine Selbsttäuschung. Die Bibel beschreibt diesen Zustand präzise: „Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden“ (Römer 1,22). Der Mensch glaubt, er habe sich emanzipiert, doch in Wahrheit hat er nur die letzte verbindliche Wahrheit abgelegt.

Diese vermeintliche Aufgeklärtheit äußert sich vor allem darin, dass der Mensch sich selbst zum Maßstab erklärt. Er beurteilt Gott, statt sich von Gott beurteilen zu lassen. Er definiert Wahrheit subjektiv, Moral situativ, Identität individuell. Doch genau dieses Denken ist nicht neu. Es ist uralt. Es ist der Gedanke Adams. „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,5).

Die moderne Welt hat diesen Satz nicht widerlegt, sondern institutionalisiert.Am Anfang steht eine klare Ordnung. „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib“ (1. Mose 1,27). Diese Aussage gilt uneingeschränkt – aber sie gilt für den Zustand vor dem Fall. Sie beschreibt den geschaffenen Menschen, nicht den gefallenen. Der heutige Mensch übernimmt diesen Vers gern, trennt ihn aber von allem, was danach kommt. Damit macht er aus Offenbarung Ideologie. Denn der Bruch folgt unmittelbar. Adam fällt nicht nur moralisch, sondern existenziell. Er verliert nicht einfach Gemeinschaft mit Gott, sondern seine Stellung. Von diesem Moment an reproduziert sich nicht mehr das Ebenbild Gottes, sondern das Ebenbild Adams. Die Schrift sagt das ausdrücklich: „Adam zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde“ (1. Mose 5,3). Hier wird kein Zufall beschrieben, sondern eine geistliche Gesetzmäßigkeit. Der Mensch zeugt nicht nach Gottes Bild, sondern nach Adams Bild. Damit ist der natürliche Mensch eindeutig bestimmt. Er ist nicht Ebenbild Gottes in irgendeiner abgeschwächten oder verzerrten Form. Er ist Ebenbild Adams. Sterblich, sündig, selbstbezogen, gottfern. Paulus formuliert das unmissverständlich: „Der erste Mensch Adam ward zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht“ (1. Korinther 15,45). Und weiter: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch“ (1. Korinther 15,47). Das ist keine poetische Sprache, sondern theologische Diagnose. Der moderne Mensch weigert sich, diese Diagnose anzunehmen. Er spricht lieber von Potenzialen, von innerem Guten, von Entwicklungsmöglichkeiten. Die Bibel spricht von Tod. „Und euch, da ihr tot waret durch Übertretungen und Sünden“ (Epheser 2,1). Tote tragen kein Ebenbild Gottes. Tote spiegeln nichts wider. Tote können sich nicht selbst heilen. Der Mensch ist nicht defizitär, sondern tot. Das ist der Grund, warum jede Form von Selbstrettung scheitert.

Aus diesem Zustand erklärt sich die Welt, wie sie ist. Nicht als Betriebsunfall, sondern als Konsequenz. „Es ist keiner, der verständig sei; da ist keiner, der nach Gott frage“ (Römer 3,11). Der Mensch fragt nicht nach Gott, weil er Adams Bild trägt. Er ist nicht suchend, sondern fliehend. „Adam versteckte sich vor dem Angesicht Gottes“ (1. Mose 3,8). Diese Flucht setzt sich bis heute fort – nur raffinierter, gebildeter, ideologischer. Die moderne Kultur ist daher keine neutrale Arena, sondern Ausdruck dieser Adamsnatur. Selbstdefinition statt Unterordnung. Selbstverwirklichung statt Gehorsam. Selbstliebe statt Gottesfurcht. Die Schrift hatte diesen Zustand lange vorher benannt: „Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie sich selbst lieben“ (2. Timotheus 3,2). Selbstliebe ist kein Fortschritt, sondern Kennzeichen des Verfalls. Besonders deutlich wird das im Umgang mit der Schöpfungsordnung. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Diese Ordnung wird heute nicht nur ignoriert, sondern aktiv bekämpft. Der Körper gilt als formbar, das Geschlecht als Gefühl, die Realität als Zumutung. Doch die Schrift urteilt anders. „Hast du nicht gelesen, dass der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Weib?“ (Matthäus 19,4). Jesus verweist nicht auf Identität, sondern auf Schöpfung. Dass der Mensch diese Ordnung ablehnt, ist kein Zeichen von Freiheit, sondern von Adams Natur. „Das Trachten des Fleisches ist Feindschaft wider Gott; denn es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan“ (Römer 8,7). Der gefallene Mensch kann sich Gott nicht unterordnen, weil er es nicht will. Deshalb empfindet er jede göttliche Ordnung als Angriff. Der Egoismus des Menschen ist dabei kein Nebeneffekt, sondern Wesenskern. „Ein jeglicher suche das Seine“ (Philipper 2,21). Diese Beschreibung trifft nicht nur Einzelne, sondern eine ganze Kultur. Verantwortung wird vermieden, Schuld relativiert, Wahrheit emotionalisiert. Der Mensch erhebt seine Empfindung über Offenbarung. „Ein jeglicher Weg dünkt einen Menschen recht“ (Sprüche 21,2).

Die moderne Idee der Gleichmacherei entspringt derselben Quelle. Gott hat nie Gleichheit im Sinne von Gleichförmigkeit geschaffen. „Es sind mancherlei Gaben“ (1. Korinther 12,4). Unterschied ist Teil der Ordnung. Die Auflehnung gegen diese Ordnung führt nicht zu Gerechtigkeit, sondern zu Chaos. „Wehe denen, die Gottes Ordnung verkehren“ (vgl. Jesaja 24,5). Der Mensch ist also nicht Ebenbild Gottes, das nur falsch verstanden wurde. Er ist Ebenbild Adams, das sich selbst überschätzt. „Wie wir getragen haben das Bild des Irdischen“ (1. Korinther 15,49).

Das ist der Ausgangspunkt. Und erst von hier aus wird das Evangelium überhaupt verständlich. Denn wenn der Mensch noch Ebenbild Gottes wäre, bräuchte er keine Erlösung, sondern Anleitung. Doch die Schrift sagt etwas anderes. „So ist nun keiner gerecht, auch nicht einer“ (Römer 3,10). Deshalb braucht es nicht Bildung, nicht Therapie, nicht Ideologie, sondern Neuschöpfung. „Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur“ (2. Korinther 5,17). Erst hier endet Adams Bild. Erst hier beginnt etwas Neues. Christus ist nicht die Verbesserung des alten Menschen, sondern sein Ende. „So wir mit ihm gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (Römer 6,8). Das Ebenbild Gottes wird nicht restauriert, sondern neu geschaffen. „Der letzte Adam ist ein Geist, der lebendig macht“ (1. Korinther 15,45).

Solange der Mensch sich für aufgeklärt hält und diese Wahrheit ablehnt, bleibt er gefangen in Adams Bild. Er mag gebildet sein, moralisch engagiert, emotional sensibel – doch geistlich bleibt er tot. „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Korinther 2,14). Und genau deshalb sieht die Welt so aus, wie sie aussieht.

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