Im Zentrum vieler gegenwärtiger gesellschaftlicher Phänomene steht ein ausgeprägtes Streben nach Selbstdefinition. Der Mensch sucht nicht mehr primär nach Wahrheit, Ordnung oder Berufung, sondern nach Abgrenzung. Identität wird nicht empfangen, sondern konstruiert. Diese Konstruktion erfolgt zunehmend über Labels, Besonderheiten und narrative Selbstzuschreibungen. Auffälligkeit ersetzt Charakter, Abweichung ersetzt Reife. Aus biblischer Sicht ist diese Entwicklung kein Randphänomen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden geistlichen Problems: der Verlagerung des Zentrums vom Schöpfer auf das Geschöpf.
Die Schrift beschreibt diesen Zustand nüchtern und ohne psychologisierende Schonung.„Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die heilsame Lehre nicht ertragen; sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken“ (2. Tim 4,3).Das „nach ihren eigenen Lüsten“ beschreibt nicht nur moralische Verfehlungen, sondern eine grundsätzliche Haltung: Das eigene Empfinden wird zur letzten Autorität. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern ausgewählt.
Diese Selbstzentrierung äußert sich heute häufig in der Suche nach Besonderheit. Der moderne Mensch will nicht einfach sein, sondern etwas darstellen. Wo frühere Generationen Identität aus Familie, Beruf, Glauben und Verantwortung bezogen, wird heute Identität über Abweichung erzeugt. Je ungewöhnlicher, desto wertvoller. Je fragiler, desto schützenswerter. Je verletzlicher, desto moralisch unangreifbarer. So entstehen Phänomene, bei denen Menschen sich bewusst oder unbewusst nach Diagnosen sehnen, nach Einschränkungen, nach Leiden, die sie von der Masse abheben.
Dabei geht es nicht um reale schwere Erkrankungen oder echte Notlagen. Die Schrift fordert ausdrücklich Mitgefühl und Fürsorge für Leidende. „Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden“ (Röm 12,15). Kritisiert wird vielmehr die Instrumentalisierung von Schwäche zur Selbstaufwertung. Wenn Krankheit, psychische Instabilität oder besondere Ernährungsweisen zum Identitätsmerkmal werden, verschiebt sich der Fokus vom Heil zur Selbstdarstellung.
Ein prägnantes Beispiel war vor einigen Jahren die inflationäre Selbstdiagnose angeblicher neurologischer oder psychischer Besonderheiten. Phänomene wie pseudohaft dargestellte Tourette-ähnliche Symptome in sozialen Medien dienten weniger der Aufklärung als der Aufmerksamkeit. Das Leiden wurde performativ. Die Grenze zwischen echter Not und inszenierter Abweichung verwischte. Der Mensch wurde Darsteller seiner eigenen Zerbrochenheit.Ähnlich verhält es sich mit der zunehmenden Fixierung auf Tattoos als Ausdruck von Individualität. Ursprünglich Zeichen von Zugehörigkeit oder Lebensereignissen, werden sie heute häufig als Mittel genutzt, den eigenen Körper zum Manifest der eigenen Identität zu machen. Der Leib wird zur Leinwand des Ichs. Die Bibel begegnet dem Körper jedoch mit einer anderen Perspektive.
„Oder wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst?“ (1. Kor 6,19). Der Körper gehört nicht primär dem Individuum zur freien Selbstinszenierung, sondern steht unter einem höheren Anspruch.
Ein weiteres Feld ist die Suche nach besonderen Ernährungsidentitäten. Unverträglichkeiten, Allergien oder bewusste Verzichtsformen werden zunehmend nicht mehr als praktische Notwendigkeit oder persönliche Entscheidung behandelt, sondern als identitätsstiftendes Merkmal. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Veganismus, der in vielen Fällen weniger eine ethische Entscheidung als eine moralische Selbstverortung darstellt. Essen wird zur Weltanschauung, der Teller zur Kanzel. Der Apostel Paulus warnt vor genau dieser Dynamik. „Darum lasset euch niemand Gewissen machen über Speise oder über Trank“ (Kol 2,16). Wo äußere Praktiken zur Grundlage geistlicher oder moralischer Überlegenheit werden, ist das Evangelium bereits verlassen.
Diese Entwicklungen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern stehen in einem größeren kulturellen und therapeutischen Kontext. Moderne Psychologie betont häufig die absolute Zentralität des individuellen Erlebens. Gefühle gelten als verlässliche Wahrheitsträger, innere Zustände als moralisch unangreifbar. In diesem Klima gewinnen Modelle wie die Polyvagaltheorie große Popularität. Diese Theorie interpretiert menschliches Verhalten primär über physiologische Zustände des Nervensystems und bietet scheinbar tiefgreifende Erklärungen für Angst, Rückzug oder Aggression.
Problematisch wird es dort, wo solche Modelle nicht mehr als beschreibende Werkzeuge, sondern als identitätsstiftende Erklärungen genutzt werden. Der Mensch ist dann nicht mehr verantwortlich Handelnder, sondern reagierendes System. Sünde wird durch Dysregulation ersetzt, Schuld durch Biologie. Das mag entlastend wirken, untergräbt jedoch die biblische Lehre vom verantwortlichen Menschen. „Ein jeglicher wird seine Last tragen“ (Gal 6,5). Verantwortung ist kein kulturelles Konstrukt, sondern göttliche Setzung.
In diesem Zusammenhang ist das Buch Lies Your Therapist Told You von Greg Gifford von besonderer Bedeutung. Gifford kritisiert nicht Therapie an sich, sondern die Tendenz moderner Beratung, den Menschen ausschließlich als Opfer innerer Prozesse zu sehen. Er zeigt auf, wie psychologische Narrative häufig biblische Kategorien verdrängen. Leid wird erklärt, aber nicht erlöst. Verhalten wird entschuldigt, aber nicht erneuert. Der Mensch bleibt gefangen in sich selbst.
Die Schrift hingegen konfrontiert den Menschen mit einer unbequemen Wahrheit. „Das Herz ist ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ (Jer 17,9). Das Problem liegt nicht primär im Nervensystem, in der Kindheit oder in gesellschaftlichen Strukturen, sondern im gefallenen Herzen. Jede Therapie, die diesen Befund ignoriert, bleibt unvollständig.
Die moderne Sehnsucht nach psychischen Diagnosen ist daher nicht nur medizinisch, sondern geistlich zu deuten. Wer sich über Angststörungen, depressive Phasen oder Traumata definiert, findet darin oft eine neue Form von Sinn. Das Leiden verleiht Bedeutung. Doch diese Bedeutung ist trügerisch. Die Bibel ruft nicht zur Identifikation mit der eigenen Zerbrochenheit auf, sondern zur Erneuerung. „Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes“ (Röm 12,2). Veränderung, nicht Verfestigung, ist das Ziel.
Auffällig ist, dass viele dieser modernen Identitätsmarker eine Gemeinsamkeit haben: Sie entlasten vom Anspruch der Nachfolge. Wer sich primär als Opfer versteht, muss sich nicht als Jünger verstehen. Wer sich über Besonderheit definiert, muss sich nicht über Gehorsam definieren. Doch Christus ruft nicht zur Selbstverwirklichung, sondern zur Selbstverleugnung. „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lk 9,23).
Diese Worte stehen im scharfen Kontrast zum Zeitgeist. Selbstverleugnung gilt heute als gefährlich, als ungesund, als identitätsbedrohend. Die Schrift sieht darin den Weg zur Freiheit. Denn wer sich selbst zum Maßstab macht, bleibt gefangen in sich selbst. Wer sich Christus unterordnet, wird frei von der Tyrannei des eigenen Ichs.
Die Jagd nach Labels, Diagnosen und Besonderheiten ist letztlich Ausdruck eines tieferen Mangels: der Abwesenheit einer tragfähigen Identität in Gott. Wo der Mensch nicht mehr weiß, wer er vor Gott ist, sucht er verzweifelt nach Ersatzidentitäten. Doch diese sind instabil. Sie müssen ständig bestätigt, verteidigt und ausgestellt werden. Der Friede, den Christus verheißt, ist anderer Art. „Meinen Frieden gebe ich euch; nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt“ (Joh 14,27).
Aus biblischer Sicht ist daher eine klare Unterscheidung notwendig. Echte Krankheit erfordert Mitgefühl. Echte Not verlangt Hilfe. Doch die Kultivierung von Schwäche als Identitätskern widerspricht dem Evangelium. Der Mensch ist nicht berufen, sich um sich selbst zu drehen, sondern Gott zu verherrlichen. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge“ (Röm 11,36).
Die Kirche steht hier vor einer Herausforderung. Sie darf den Zeitgeist nicht unkritisch übernehmen, aber auch nicht lieblos reagieren. Wahrheit und Gnade gehören zusammen. Doch Wahrheit bleibt Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Der Ruf zur Umkehr richtet sich nicht nur an moralisch Auffällige, sondern an eine ganze Kultur der Selbstbezogenheit.
Am Ende steht die Frage, worin der Mensch seine Identität sucht. In sich selbst oder in Christus. Die Schrift lässt keinen Zweifel, welcher Weg Leben bringt. „Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s behalten“ (Lukas 9,24). Diese Aussage widerspricht jeder modernen Identitätslogik. Und genau darin liegt ihre befreiende Kraft.
Wer inmitten dieser Selbstbezogenheit Orientierung sucht und nicht länger therapeutischen Erzählungen folgen will, sondern eine konsequent bibelzentrierte Beratung und christliches Coaching wünscht, findet einen klaren Weg zurück zu Ordnung, Verantwortung und einer tragfähigen Identität vor Gott.

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